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Kreta – wo die Götter zu Hause sind

Die sagenumwobene Insel in der südlichen griechischen Ägäis, Heimat des König Minos, Schauplatz der ersten Flugversuche des Menschen mit wachsüberzogenen Federgestellen. Dädalos und Inkaros, Vater und Sohn, träumten hier den alten Traum der grenzenlosen Freiheit des Menschen, der tragisch mit dem Tod des Sohnes endete. In meiner Vorstellung erscheint das Bild des griechischen Göttervaters Zeus, der die schöne Europa hierhin entführte.

Seit meiner ersten Reise nach Kreta, begleiten mich der kretische Autor Nikos Kazantzákis und sein zu den großen Werken der Weltliteratur gehörender Roman „Alexis Sorbas“, unvergesslich verfilmt mit Anthony Quinn; es begleitet mich der kretische Musiker Mikis Theodorákis der mit seiner ausdrucksstarken Musik einer ganzen Generation den Mythos Griechenland nahebrachte. Ich sehe vor meinem inneren Auge die Bilder des Malers „El Greco“ (der Grieche), mit richtigem Namen Domenikos Theodocopoulos, geboren im heutigen Heraklion auf Kreta etwa um 1540, gestorben als Maler des spanischen Hofes in Toledo 1614 – einer der berühmten Maler der Frührenaissance.

Sie alle sind Söhne dieser Insel, die seit Jahrtausenden Heimat erfahrener Fischer und Seefahrer ist, die Kontakte zu fremden Völkern, Traditionen und Kulturen knüpften. Das Wissen, das sie sich erworben haben, mündete in eine der frühen Hochkulturen, die als eine der Wurzeln Europas gilt.

Mit leichtem Gepäck besteige ich das Flugzeug, – eine technische Errungenschaft, deren erste Ursprünge auf Kreta zu finden sind – und befinde mich sehr bald im Landeanflug auf Heraklion, damals wie heute die Hauptstadt der Insel. Hier teilen sich die Besucherströme, denn spätestens hier fällt die Entscheidung jedes einzelnen darüber, wie sein Aufenthalt auf der Insel gestaltet sein soll: Badeurlaub an einem der herrlichen Strände der mehr als 1000 km langen Küstenlinie – ganz nach persönlichem Geschmack in einem quirligen oder verschlafenen Ort; oder aber der Versuch, durch die Annäherung an die lebendige Vergangenheit einer Region, die man als „Wiege der Menschheit“ bezeichnet, eine eigene Brücke vom Gestern in das Heute zu schlagen.

Kreta

Kreta ©iStockphoto/winterling

Der Palast von Malia

In unmittelbarer Nähe von Heraklion befindet sich der wohl bekannteste der vier bisher entdeckten minoischen Paläste Kretas: Knossos. Der interessanteste der Paläste jedoch ist in meinen Augen jener von Malia, etwa 30 km östlich von Heraklion gelegen. Dort dauern die Ausgrabungen noch an. Anders als in Knossos verzichteten die dort tätigen Archäologen auf Rekonstruktionen. Man schätzt heute, dass der erste Palast von Malia ca. 1900 v.Chr. errichtet wurde – er fiel wie alle anderen minoischen Paläste einem großen Erdbeben ca. 1750 v. Chr. bis 1700 v.Chr.zum Opfer und wurde bereits wenige Jahrzehnte an derselben Stelle noch größer wieder aufgebaut.

Die Architektur ist geprägt durch klare Gebäudeanordnung – figürliche Wandbilder oder Fresken sucht man vergebens. Auffallend unter anderem ist der Brandopferaltar in der Mitte des Hofes. Umgeben von vier Ziegelsteinpfeilern, von denen man annimmt, dass sie die Roste getragen haben, auf die das Brandopfer gelegt wurde, sieht man eine Grube, in der die Archäologen Asche fanden, die tierische Brandopfer belegen. Die Archäologen ordnen deshalb dem Palast von Malia kultische und rituelle Funktionen zu. Ausgedehnte Lagerräume und Schreine, die gefunden wurden, scheinen diese Annahme zu untermauern. Interessant ist auch ein an der Südwestseite des ehemaligen Palastes befindlicher ungewöhnlich bearbeiteter Stein mit ca. 1 m Durchmesser, einem Loch im Zentrum und kranzartig angeordneten, napfähnlichen Vertiefungen. Auch hier wird angenommen, dass es sich um einem Opferstein handelt. Die Palastanlage befand sich im Zentrum einer der größten antiken minoischen Städte auf Kreta. Archäologische Funde der neueren Zeit deuten auf eine dichte Besiedlung dieser Stadt mit Handwerkern unterschiedlichster Berufe hin.

Kreta und der „Reichtum des kleinen Mannes“

Was wäre Kreta ohne die Oliven ? Der Olivenbaum ist eine der ältesten Kulturpflanzen der Welt, er wird bereits in der Bibel erwähnt. Auf Kreta werden nachweislich seit mehr als 4000 Jahren Oliven angebaut. Sie sind bis heute das wichtigste landwirtschaftliche Produkt der Insel. Der Olivenbaum wächst auf nährstoffarmem Boden, übersteht klaglos die jährlichen Dürreperioden in großer Hitze, wird sehr alt und ist recht anspruchslos in der Pflege. Es gibt auf der Insel etwa 20 Millionen Olivenbäume – statistisch gesehen besitzt also jeder Einwohner im Schnitt knapp 30 Bäume. Noch vor wenigen Jahren garantierten diese Bäume den Besitzern einen bescheidenen Wohlstand, heute jedoch ist der Weltmarktpreis für Olivenöl stark gefallen und die Olivenbauern müssen Subventionen in Anspruch nehmen.

Ich nehme Abschied von „meiner“ Insel. Das Flugzeug zieht beim Start einen weiten Bogen über das in der Abendsonne flirrende Land – wieder einmal weiß ich genau, dass ich auch nach diesem Besuch noch nicht annähernd das gesehen habe, was ich gerne noch sehen würde. Ich werde es bei meinem nächsten Besuch in Angriff nehmen.

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